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Ein Tag auf den Brettern in Kaarst-Büttgen

Das Sportforum in Kaarst-Büttgen

In Zeiten von Corona liegt das Vereinsleben brach. Es finden keine Veranstaltungen statt, man kann keine ausrichten. Aber man kann sich auf einer Radrennbahn ausprobieren.

Am 30.04. hieß es ab auf‘s Oval der Radrennbahn des Sportforums Kaarst-Büttgen.

Drei unserer Mitglieder haben sich zusammen getan und sich eine professionelle Beratung gegönnt. 

Einen Tag lang Runden drehen auf der Büttgener Radrennbahn mit Lars Teutenberg, dem dreimaligen Deutschen Meister auf der Bahn und Sieger mehrerer Etappen bei Straßenrennen wie beispielsweise der Internationalen Thüringen Rundfahrt und der Cinturón a Mallorca. Später belegte er noch reihenweise vordere Plätze bei Zeitfahren u.a. den dritten Platz bei der Deutschen Meisterschaft im Einzelzeitfahren hinter Tony Martin und Bert Grabsch. Und genau deshalb sind wir da.

Geballter Radsport-Input auf unsere Pedale.

 

Ein Tag mit einem „alten Hasen“ des Radrennsports - das war ehrfürchtig, anstrengend, lustig, informativ, motivierend und inspirierend.

Der frühe Vogel wird belohnt

In den frühen Morgenstunden um vier Uhr waren die Autos bis unters Dach voll gepackt und abfahrbereit. Denn ab neun Uhr wurden wir auf der Bahn von Lars erwartet.

 

Alles, was der Radkeller so hergab in Punkto Zeitfahrausrüstung wurde mitgenommen. Räder, Helme, Brillen, Handschuhe, Anzüge. Auch gerne doppelt und dreifach.

Denn beim Runden drehen auf der Bahn unter den Argus Augen von Lars, ging es nicht nur um den Test der Zeitfahrmaschine sondern aller Komponenten am Rad.

Angekommen und angekleidet ging es nun abwechselnd für Marcel und Katz im 3-Minuten-Takt auf die Bahn, Eugen war dann ab 13:00 Uhr dran mit Runden drehen. Immer beobachtet von Lars und mindestens einer Kamera.

Nach jeder Einheit wurden die Sensoren ausgewertet, zusammen Slow-Motion-Videos studiert, Sitzpositionen korrigiert, Vorbauten geändert, Radcomputer umgehängt, dieser Zeitfahranzug mit jenem Helm getestet, jener Helm nochmal mit dem anderen Anzug erprobt, alles unter aerodynamischen Gesichtspunkten.

Beharrlich wurde getestet, ausgemessen, ausgerichtet und umgebaut. Nebenbei gab es viele Tipps beispielsweise zu Technik, Wettkampfvorbereitung oder Ernährung.

Alles war so informativ und kurzweilig, dass leider keiner die Runden gezählt hat, die die Jungs ganz im Eifer der Optimierung über den Tag dann so gedreht haben. Schade eigentlich.

Denn es waren einige, sagten die Beine. Einen Drehwurm, so viel steht fest, bekommt man höchstens als Fotograf.

 

Wir haben den Tag in Bildern festgehalten. Die Bildergalerie findet ihr am Ende der Seite.

Ein anstrengender aber lohnender Tag

Fazit: Der Tag hat sich sehr gelohnt, ein spannendes und interessantes Erlebnis.
Und die Drei haben jeweils ihr optimales Setup für die ausgehende und anstehende Saison, in der hoffentlich dann auch wieder Wettkämpfe statt finden können. Nehmt euch in Acht! Muss nur noch an der Form und dem „runden Tritt“ weiter gefeilt werden. Das sagt er so einfach, der Lars.  
Kette rechts!

Wohl geneigt, das ist die Kunst

Es gehört schon Übung und ein paar Watt Tretleistung dazu, auf so einer Radrennbahn eine gute Figur zu machen.

Mit bis zu 47 Grad Neigungswinkel gehören die Kurven der Radrennbahn Kaarst-Büttgen zu den steilsten der Welt.

Profis erreichen bis zu 60 km/h und wer zu langsam fährt, riskiert einen Sturz.

Denn hat man nicht genug Schwung durch die Kurve hindurch und richtet sich das Rad zu sehr auf, streift das rechte Pedal den Holzboden oder man rutscht aufgrund zu niedrigen „Haftreibungswinkels“ ab.

Den Rest darf man sich selbst vorstellen. Bilder davon wollte keiner machen. 

 

Übrigens sind selbst die Geraden geneigt und Einfallswinkel ist auch nicht gleich dem Ausfallswinkel einer Kurve. Ein versierter Bahnfahrer nutzt den Schwung aus der Kurve zur Beschleunigung in der Geraden und findet die ideale "Wasserlinie". Es ist schon eine Kunst, so eine Radrennbahn zu bauen.

 

Auf welcher Linie fährt man nun?

Was bedeuten die farbigen Linien, habe ich mich den ganzen Tag gefragt. Linie ist natürlich nicht gleich Linie auf der Bahn. Die eine schneller, die andere braucht mehr Kraftaufwand.

Alle suchen die ideale Linie, doch die ist leider nicht eingezeichnet.

 

 

Es geht an von innen betrachtet, mit der blauen Fläche.  Auf dieser rollt man an und aus. Sie bildet den Übergang von der Innenfläche zur Bahn und heißt Côte d'Azur. Oh, das kann ich mir gut merken. Ein blauer Teppich, wie vor der französischen Südküste. Das war's dann aber auch mit der Träumerei und dem Merken. Ab jetzt wird es komplizierter und anstrengender. Je weiter oben die Linie, desto anstrengender wird es.

Die nächste Linie oberhalb der blauen Fläche ist die weiße Messlinie. An ihr sind alle 10 m die zurückgelegte Stecke der Bahn in Metern quer markiert. Im Bild rechts ist Marcel bei 180 von 250 Metern.

Die Start- und Ziellinie ist quer über die Fahrbahn markiert, links im Bild. Das genaue Ziel ist der schwarze Strich in der Mitte der 72 cm breiten weißen Markierung. 

 

Die rote Linie ist die Sprinterlinie. Fährt ein Fahrer unterhalb der roten Linie, darf er im Rennen nicht innen überholt werden. Fährt er darüber, darf er innen überholt werden, darf selbst aber innerhalb einer Radlänge nicht nach unten schwenken um dicht zu machen.

Die blaue Linie ist die Steherlinie. Sie ist auf 2/3 der Bahnbreite. Bei Steher-Rennen dürfen Fahrer unterhalb der blauen Linie nicht innen überholt werden. Bei Mannschaftsrennen fahren abgelöste Fahrer langsamer oberhalb der blauen Linie, um die Fahrer im Rennen nicht zu behindern.


Aufgrund der verschiedenen Neigungswinkel auf der Bahn, kann man eine Runde schneller oder kräftezehrender fahren. Das Bahnradfahren ist ein Spiel aus Geschwindigkeit, Kraft der Muskeln, Fliehkraft der Physik und Taktik. 

So kann man "hinunter fahren", um Geschwindigkeit aufzunehmen und "hinauf fahren" um langsamer zu werden. Nun ist der Bahnradfahrer im Allgemeinen nicht alleine auf der Bahn. Und so gibt es Attacken und Taktiken, die es zu beherrschen gilt ohne zu übersäuern und zu ermüden.

Die Attacke startet man beispielsweise mit Hilfe des Gefälles "hinunter" aus dem Windschatten oder mit Überraschungsmoment.

Um hinter einen Gegner zu kommen, muss man langsamer werden, man fährt also hinauf. In der Kurve braucht es in der Höhe dann Kraft, um den Vordermann halten zu können und um nicht abzurutschen, wie weiter oben schon beschrieben.

Und dann kann man natürlich mit Kenntnis der Physik und Übung auch ermitteln, wie man am schnellsten und doch möglichst kräftesparend durch die Kurve fährt. 

Wer hätte das gedacht, wieviel zum Bahnradsport dazu gehört. Es ist ganz und gar nicht stupides Runden drehen und macht Lust mal einen Sprint- oder Steherwettkampf als Zuschauer anzusehen.  

Fakten und Geschichte der Radrennbahn Kaarst-Büttgen

  • Die 250 m lange und 6 m breite Bahn wurde 1970 zuerst als Freiluftbahn ohne Dach gebaut von einem weltweit anerkannten Bahnarchitekten Herbert Schürmann. Eine Bahn hat dabei immer eine entsprechende Länge, so dass eine bestimmte Zahl ganzer oder zumindest halber Runden genau 1.000 m ergeben.  
  • Die Zuschauer saßen beim Radrennen zur Einweihung auf Traktorenanhängern mangels Tribünen.
  • Ein spezielles afrikanisches Sumpfhartholz macht die Bahn so robust, dass sie mühelos einige Jahre Wind und Wetter übersteht und noch heute im Einsatz ist. Die Hallenbahn ist eine von nur drei Holzbahnen in Deutschland. Meist haben die Velodrome Betonböden.
  • Überdacht wurde die Bahn dann 1977 und immer weiter ausgebaut und modernisiert. Heute ist sie eine moderne Multi-Funktionshalle.
  • Hans Schwelm, Hermann Dropmann und Peter Kirchhartz ist der Bau zu verdanken - motiviert durch die Liebe zum Radsport und den ersten Titeln bei Deutschen Meisterschaften setzten sie alles daran, den Bau zu verwirklichen.
  • 2017 führte die zweite Etappe der in Düsseldorf gestarteten Tour de France durch das „RadSportDorf Büttgen“, wie es sich stolz selbst bezeichnet.

Bilder-Galerie

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